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Friday, October 9, 2020

Louise Glück: Kristallklare Lyrik mit grosser Spannweite - Neue Zürcher Zeitung

Ihre Gedichte wirken manchmal täuschend klar und schlicht, doch ihr Werk hat eine enorme Spannweite. Die Amerikanerin Louise Glück baut gern auf Gegensätze, schlägt Brücken zwischen Antike und Gegenwart und spricht die Leser unmittelbar an.

Herbe Schönheit – das ist die Essenz von Louise Glücks Dichtung.

Herbe Schönheit – das ist die Essenz von Louise Glücks Dichtung.

Katherine Wolkoff / Farrar, Straus and Giroux

Im deutschen Sprachraum mag Louise Glück noch wenig bekannt sein; aber die 1943 in New York geborene Lyrikerin und Essayistin hat mit ihren mittlerweile zwölf Gedichtbänden ein Werk vorgelegt, das aus der fruchtbaren Fülle gegenwärtiger amerikanischer Dichtung dank seiner thematischen Weite und menschlichen Tiefe deutlich herausragt.

Die berufliche Laufbahn der neu gekürten Nobelpreisträgerin war von Anfang an ganz auf die Lyrik konzentriert. Ihre Eltern führten sie früh in den Kanon der griechischen Mythologie ein; nach dem Studium an der Columbia University bei Leonie Adams und Stanley Kunitz trat sie 1971 ihre eigene Lehrtätigkeit an, die ihr Schaffen bis heute begleitet. Der Nobelpreis ist nur die Krönung der zahlreichen Ehrungen – darunter der Titel des Poet Laureate of the United States –, die ihr zuteilwurden.

Abstieg ins Totenreich

Bisher sind nur gerade zwei ihrer Bände von Ulrike Draesner ins Deutsche übertragen worden. Beide sind derzeit vergriffen, der Luchterhand-Verlag plant jedoch, sie baldmöglichst neu aufzulegen. Da sie beispielhaft für das Schaffen der Lyrikerin stehen, sollen diese Werke hier näher betrachtet werden.

«Averno», im Original 2006 erschienen, liest sich wie eine Zusammenfassung all jener Themen, an denen Glück von Beginn ihres Dichtens an gelegen war. Referenzpunkt der Gedichte ist der Mythos vom Raub der Persephone durch Hades. Dem Totengott, zur Rückgabe der jungen Frau genötigt, gelingt es, sie durch eine List wenigstens teilweise an das Schattenreich zu binden: Ein Drittel des Jahres muss sie bei ihrem Gatten in der Unterwelt verbringen. «Man treibt zwischen Erde und Tod, / die sich, letztlich, / seltsam ähnlich scheinen», heisst es in einem der Gedichte.

Das letzte Gedicht des Bandes entwirft eine abweichende Version des Mythos, in der Persephone aus Hass und Abscheu gegenüber ihrer Mutter Demeter nicht mehr zur Oberwelt heimkehren will. Stattdessen reflektiert sie über «die tiefe Gewalttätigkeit der Erde» und stellt die entscheidende Frage: «Wie kann ich die Erde ertragen?»

Betitelt ist der Band nach dem Lago d’Averno, einem kleinen Kratersee in Kampanien. Er liegt in den sogenannten Phlegräischen Feldern, einem westlich des Vesuvs gelegenen Gebiet mit hoher vulkanischer Aktivität; wegen seiner Abgeschiedenheit und der unwirtlichen Natur galt der See von der Antike bis ins Mittelalter als ein Zugang zur Unterwelt. Es ist ein Ort der Durchlässigkeit zwischen der Welt der Toten und jener der Lebenden – und wo liessen sich besser die verschiedenen Aspekte der Conditio humana beleuchten?

Robust und verletzlich

Allerdings verlegt Glück die Düsternis der landschaftlichen Kulisse in die psychischen Gefilde. Im Durchspielen des antiken Mythos nach modernen psychologischen Mustern treten die unveränderten, unveränderlichen Bedingungen menschlichen – und zumeist noch konkreter: weiblichen – Aufenthalts auf Erden zutage. Ganz elementar und archaisch stehen die Landschaften des Herbstes und des Winters für Abschied, Tod und, vielleicht, das Erwarten eines Neubeginns. Doch vor alle Erwartung sind Zweifel und Verzweifeln gesetzt. «Das ganze Leben wartet man auf die günstige Zeit. / Dann entpuppt die günstige Zeit sich / als am Schopf gepackte Gelegenheit.»

Die Bezüge zum antiken Mythos sind derart weiträumig angelegt, dass sich verschiedene zeitgenössische Interpretationen anbieten. Durch ebendiese Strategie erhalten die einzelnen Motive eine Glaubwürdigkeit, die selbst etwas verbrauchten Metaphern wie Licht, Erde, Schatten eine moderne Berechtigung verleiht.

Es geht um Abschied und Rückkehr, Körper und Seele, fatale Mutter-Tochter-Bindungen, Zukunftsängste und Erinnerungen, Schönheit, Natur, die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe. Oder anders: Wie sind Kälte, Hässlichkeit, Vergänglichkeit zu ertragen? Wie kann man leben, wenn man die Hölle gesehen hat? Diese Fragen trägt Louise Glück in einer einfachen, klaren, schnörkellosen Sprache vor, lyrisch aufgeladen, ohne Pathos, manchmal allzu schmerzhaft subjektiv, doch zeigt sich gerade hierin die Stärke ihrer Gedichte: dass sie im gleichen Atemzug robust und verletzlich sind.

Wenn die Natur spricht

Immer wieder greift Glück auf den bekannten dichterischen Topos zurück, dass die Natur, oft auf symbolische Weise, einen Spiegel für die menschliche Seele darstellt. Viel seltener geschieht es dagegen, dass sich die Natur selbst in unmittelbarer Ansprache an den Menschen wendet, um ihn über sein eigenes Befinden aufzuklären. Solche Momente finden sich in dem 1992 erschienenen Gedichtband, den Glück unprätentiös «Wilde Iris» nennt.

Dem Jahreslauf folgend, lässt sie darin die belebte wie die unbelebte Natur zu Wort kommen. Die verschiedensten Blumen, der Frühlingsschnee, der abnehmende Wind, der Sonnenuntergang, aber auch eine Türschwelle und Phänomene wie die Ernte setzen sich in Beziehung zum Menschen; sie beschreiben ihr eigenes Schicksal und sprechen gleichzeitig aus, was der Mensch denkt und fühlt, in solcher Klarheit jedoch vielleicht nicht immer zu sagen wagt.

Die menschliche Existenz ist damit einerseits Teilhabe an der Natur, andererseits aber auch etwas vollkommen anderes, Getrenntes. In diesem Sinne legen Gegensätze das Fundament des ganzen Gedichtbands – zum Beispiel das geometrische Konzept von Kreis contra Linie, der teleologische Gedanke von Unendlichkeit und Endlichkeit, die psychologische Idee von Vielfalt und Individualität. Die Natur ist bei Louise Glück der Garten der Welt nach einem Sündenfall, der aus Ängsten, Zweifeln, Unterdrückungen besteht. Deshalb ist der Jahreskreis immer wieder unterbrochen von Abend- und Nachtgebeten, in denen Hoffnungen und Anklagen an ein göttliches Wesen gerichtet werden.

Mann und Frau stehen in dem Garten Welt, erkennen sich in der Natur – man könnte auch sagen: Sie gelangen im Spiegel der Natur zur Erkenntnis – und sind aufgerufen, Schönheit und Dauer zu sehen, allem Negativen zum Trotz. Dieser heimliche, widerborstige Optimismus macht «Wilde Iris» zu einem der vielstimmigsten und am straffsten komponierten amerikanischen Gedichtbände seines Jahrzehnts, für den Glück damals verdientermassen den Pulitzerpreis erhielt.

Melancholie und Zauber

Die «Wandelbare Erde» – so ein Titel aus dem Band «Vita Nova» – ist es, der Louise Glück eine Stimme gibt, sie ist ebenso fragil wie die menschliche Natur in ihrem Bestreben nach Freiheit und Selbsterkenntnis. Glücks dauerndes Rekurrieren auf antike Mythen soll die Dauerhaftigkeit der Bedingungen illustrieren, unter denen wir alle leben. Ihre Gedichte sprechen vom Menschen zu den Menschen, deshalb ist ihre Sprache klar und verständlich, formale Experimente sind ihr fremd, die frei rhythmischen Zeilen sind musikalisch genug.

Auch wenn die Lyrikerin die weibliche Perspektive einnimmt, begreift sie das individuelle Dasein exemplarisch für alle Menschen jeden Geschlechts. Aus zahllosen kleinen und kleinsten, oft scheinbar banalen Beobachtungen des Alltags entsteht das Spektrum einer sinnlich wahrnehmbaren Welt, auf welche die Dichterin selbst «nicht vorbereitet war». Ihre Gedichte versteht sie als solche Vorbereitungen für die Leser: «Du wirst verwundet und vernarbt sein, du wirst weiterhin hungern. / Dein Körper wird altern, du wirst weiterhin Bedürfnisse haben. / Du willst die Erde und dann mehr von der Erde», summiert sie im Band «The Seven Ages».

Melancholie ist die vorherrschende Stimmung ihrer Gedichte, die sie stets zu buchlangen Zyklen bündelt – doch liegt darin eine Bezauberung, die in der amerikanischen Lyrik ihresgleichen sucht.

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